Burn-out bei Ärzten

Burn-out – Das Risiko der Ärztinnen und Ärzte
 
Etwa 20 Prozent der Ärztinnen und Ärzte arbeiten mehr als 80 Stunden pro Woche. Vertragsärzte durchschnittlich elf Stunden täglich. Rund 60 Prozent fühlen sich nach einem Arbeitstag völlig ausgelaugt, essen unregelmäßig und haben Schlafdefizite. Und fast 70 Prozent sehen ihr Privatleben in Mitleidenschaft gezogen (Gebuhr, 2002).
Burn-out – das Risiko der Ärzte

Eine Vielzahl von Untersuchungen bestätigen die Rückzugstendenz von Ärztinnen und Ärzten aus ihren privaten Kontakten bei zunehmenden Belastungen (Adisson et al.2004, Bergner 2004, Heim 1993, Mc Craine und Brandsma 1988). Damit geben die Betroffenen eine – möglicherweise entscheidende - Ressource für Regeneration und Prävention bei Burn-out-Gefährdung auf (Voltmer und Spahn 2009).
 
Ärzte mit Berufspraxis weisen einen deutlich niedrigeren Wert des gesunden Verhaltensmusters und einen deutlich höheren Wert des Burn-out gefährdeten Risikomusters auf (Voltmer et al. 2009).
 
Es überrascht daher nicht, dass bis zu einem Drittel der deutschen Ärztinnen und Ärzte an einem Burn-out erkranken (Rösing 2003). Die Entwicklung des Burn-out ist in der Regel schleichend - das macht es so gefährlich. Die betroffenen Menschen bemerken diese erst spät oder verleugnen sie. So bekommt die Burn-out-Entwicklung eine zunehmende Eigendynamik.
Burn-out-Faktoren im Arztberuf
Die Berufsgruppe der Ärzte ist einer Vielzahl von Belastungsfaktoren nach Burn-out- Kriterien ausgesetzt. Die Berücksichtigung der spezifischen Stressoren, die auf diese Berufsgruppe einwirken, ist für eine effektive Unterstützung unabdingbar.
Beispiele für Belastungssituationen im ärztlichen Bereich (nach Bergner 2007, leicht modifiziert)
Art der Ausbildung • Ausbildung nach militärischen Grundsätzen („Ober-Arzt“)
  Missachtung zentraler, für das Arzt-Therapeutensein
  notwendiger Inhalte wie
- Kreativität
- Empathie
- soziales Engagement
 
• fehlende, zielgerichtete Vermittlung persönlichen
  Kompetenzausbaus, beispielsweise
- Betriebswirtschaft
- Präsentation und Moderation
- Kommunikation
- Konfliktmanagement
- ärztliche Führung
- standes- und gesellschaftspolitische Fragen
  Selbstwahrnehmung
Persönlichkeit des Arztes • alles selbst machen inklusive Eigentherapie
 
• Kernüberzeugungen wie „Ich darf nicht aufgeben.“
  oder „Auf mich kann man sich verlassen.“
mangelnde emotionale Kompetenzen • verminderte oder verzerrte Selbstwahrnehmung
 
• unzureichende Selbstkontrolle
 
• mangelhaftes soziales Bewusstsein
 
• mangelhaftes Beziehungsmanagement
hohe Belastung/geringer Eigeneinfluss • strukturelle Belastungen wie Einzelpraxis
 
• zu hohe Wochenarbeitszeit (45 Stunden sollten auf
  Dauer nicht überschritten werden)
 
• berufstypische, inhaltliche Belastungen wie Angst,
  Leiden, Tod
 
• sichtbare Erfolge fehlen
fehlende gesellschaftliche Anerkennung • Arztbild in verschiedenen Medien
Minderung der beruflichen Lebensqualität • Autonomieverlust: Bevormundung durch Ökonomen,
  Kontrollsysteme („Qualitätsmanagement“)
unzureichende Honorierung • abnehmende gesellschaftliche Anerkennung als nicht
  materielle Schädigung
 
• unzureichende materielle Entschädigung
Welche Hilfe gibt es für die Helfer?
 
Beratung
Die Beratungsaufgabe besteht zunächst in der Analyse der Bedingungszusammenhänge, unter denen sich das Burn-out-Syndrom entwickelt hat. Das Zusammenspiel von Persönlichkeitsmerkmalen, personalen Ressourcen, privaten Lebensverhältnissen und beruflicher Situation ist sorgfältig zu analysieren und gemeinsam zu definieren. Darauf aufbauend kann eine Empfehlung für das weitere Vorgehen erarbeitet werden.
 
Coaching
Coaching ist eine professionelle Unterstützung, um an Problemen, Entscheidungen oder Zielen zu arbeiten. Dabei stehen beruflich motivierte Fragen im Vordergrund, es werden sowohl sachbezogene als auch persönliche Aspekte berücksichtigt. Coaching hilft, Lösungen zu entwickeln sowie den Zugang zu eigenen Ressourcen zu finden und diese zu nutzen.
 
So werden die Mechanismen und Hintergründe der Burn-outentwicklung transparent gemacht und eine Strategie für deren Überwindung entwickelt. In der Begleitung deren Umsetzung schließt der Coach seinen Auftrag ab.
 
Therapie
Ist die Schwelle zur Krankheit überschritten, ist eine psychotherapeutische Intervention sinnvoll. Das therapeutische Vorgehen muss auf die Besonderheiten der Burn-out-Situation zugeschnitten sein:
  • Die Akzeptanz der Krankenrolle ist für die betroffenen Menschen häufig schwierig (der hilfsbedürftige Helfer).
  • Das Therapieangebot muss schnell durch Wirksamkeitserfahrungen überzeugen, um die Compliance zu sichern.
  • Die Organisation der Therapieangebote muss der ohnehin belasteten Berufssituation Rechnung tragen und darf nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden.
  • Das Therapiekonzept ist zielorientiert zu gestalten, um den Patienten aus der passivdefensiven in eine aktive Position zu bringen.
  • Der zeitliche Rahmen der Therapie sollte begrenzt sein, um berufliche Risiken zu minimieren.
  • Die Therapie ist entsprechend effektiv und nachhaltig zu gestalten, auf die persönliche Situation des Patienten inhaltlich und organisatorisch Maß zu schneidern.
Prävention
Die Prävention hat zum Ziel, neue Reaktions- und Verarbeitungsmuster aufzubauen, um bei künftigen Belastungen vor einer Dekompensation zu schützen. Erarbeitet werden Transparenz der psychosozialen Zusammenhänge, Definition der individuellen Schwachstellen und daraus resultierend ein Präventionskonzept entwickelt mit folgenden Zielen:
  • Abbau von Stressempfinden
  • Abbau von Zeitnot
  • Vermeidung unerträglicher Situationen
  • Steigerung der emotionalen Kompetenz
  • Aufbau der Selbstwirksamkeit und des Selbstbewusstseins
  • Aufbau eines konstanten Maßes an persönlicher Zufriedenheit
  • Angemessene Positionierung im Berufsleben
  • Erarbeitung mittel- und langfristiger Ziele
Gemeinsam mit Prof. Sadre-Chirazi-Stark entwicklten wir im Psychosomatischen Fachzentrum Falkenried einen Burn-out-Schwerpunkt, der den oben beschriebenen Kriterien Rechnung trägt. Wir bieten Beratung, Coaching, Prävention (auch Sekundärprävention) und differenzierte Therapieverfahren an. Die Abstufung und Schwerpunktsetzung erfolgt abhängig von der Problemstellung, das Konzept stimmen wir individuell auf die persönlichen Anforderungen ab. Die bisherigen Erfahrungen ermutigen, wenngleich es auch einer längerfristigen begleitenden Untersuchung bedarf, um die Effekte auch als nachhaltig definieren zu können.
 
Die Asklepios Kliniken GmbH hat als erster Krankenhausträger in Hamburg mit dem Psychosomatischen Fachzentrum Falkenried eine Vereinbarung getroffen, die den bei diesem Träger beschäftigten Ärztinnen und Ärzten eine kostenlose Inanspruchnahme der Burn-out-Konzepte ermöglicht.
 
Literatur:
Addison R. B., Riesenberg, L.A., Rosenbaum, P. (2004): Psychosocial support services for family medicine resident physicians. Fam Med 36, 108-113.
 
Bergner, T. (2004): Lebensaufgabe statt Lebens-Aufgabe. Dt. Ärztebl 101, C1797-C1799.
 
Bergner TMH: Burn-out-Prävention für Ärzte und Therapeuten. Ärztliche Psychotherapie 2008 (3): 243-50.
 
Gebuhr, K. Die vertragsärztliche Gegenwart im Lichte des Burn-out-Syndroms. Die wirtschaftliche Entwicklung und die ärztliche Selbstverwaltung in der vertragsärztlichen Meinung. Berlin: Brendan-
Schmittmann-Stiftung 2002.
 
Heim, E. (1993): Stressoren der Heilberufe. Psychother Psychosom Med. Psychol 43, 307-314
 
McCraine, E. W., Brandsma, J. M. (1988): Personality antecedents of Burn-out among middle-aged physicans. Behav Med 14, 30-36
 
Rösing, I.: Ist die Burn-out-Forschung ausgebrannt? Heidelberg Asanger 2003
 
Voltmer, E., Spahn, C.: Soziale Unterstützung und Gesundheit von Ärzten. Z Psychosom Med Psychother 55/2009, 51-69
 
Dr. Voltmer, E. Theologische Hochschule Friedensau, Prof. Dr. med. Claudia Spahn, Hochschule für Musik und Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Prof. Dr. med. Jürgen Westermann, Medizinische Fakultät der Universität zu Lübeck: Psychosoziale Belastungen werden zu wenig thematisiert. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 106, Heft 8, 20. Februar 2009